Mitverantwortung: Ethikbefreites Mitmachen

Shownotes

Mitverantwortung: Ethikbefreites Mitmachen

Themen:

  • Mitverantwortung als bedingte Teilverantwortung: ethikbefreites Mitmachen, d.h. Mitmachen, ohne selbst darüber entscheiden zu wollen, was letztlich gut und richtig ist.
  • Der Begriff der Verantwortung (Schuld, Sorge, Autorität). Die Dissoziation von Verantwortung.
  • Fundamentale Zeitlichkeit von Verantwortung: Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würde Verantwortung verschwinden.

Eine Dissoziation der Verantwortung liegt vor, wenn die drei Erscheinungsformen – oder Seiten – der Verantwortung (Schuld, Sorge, Autorität) teilweise oder gänzlich entkoppelt sind.

Zitate aus dem Podcast:

  • Mitverantwortung funktioniert nicht, das heißt sie würde keine Wirkung entfalten, wenn wir ihr zu viel aufbürden.
  • Mitverantwortung bringt Verantwortung auf ein menschliches Maß.
  • Mitverantwortung bleibt unauffällig, weil moderne Gesellschaften Verantwortung systematisch zerlegen.
  • Mitverantwortung macht Handeln möglich – und Verantwortung unsichtbar.
  • Mitverantwortung – das ist unsere Macht, aber irgendwie auch unser Verhängnis.

Literatur:

  • Mieg, Harald A. (Sommer 2026). Mitverantwortung. Springer.
  • Mieg, Harald A. (1994). Verantwortung: Moralische Motivation und die Bewältigung sozialer Komplexität. Westdeutscher Verlag.
  • Lenk, Hans (1998). Konkrete Humanität. Suhrkamp.
  • Ricœur, Paul (1995/2022). Le concept de responsabilité. In P. Ricœur, Le juste 1 (S. 61-98). Éditions de Seuil.

Transkript und weitere Information: www.mitverantwortung.eu

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Mitverantwortung: Ethikbefreites Mitmachen

Harald A. Mieg

Gesellschaftliche Wirkungen, von der effektiven Regelung des Stadtverkehrs bis hin zur Reform des Gesundheitswesens, entstehen selten durch einzelne Taten; sie entstehen durch Mitmachen, durch das geordnete Mitwirken vieler Menschen.

1. Einstieg

Herzlich willkommen zu einem Podcast über Mitverantwortung. Mein Name ist Harald Mieg, ich lehre an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Es ist sehr oft von Verantwortung die Rede, seltener von Mitverantwortung. Dabei ist - das möchte ich verständlich machen - Mitverantwortung der Normalfall. Meine These lautet:

Mitverantwortung funktioniert nicht, das heißt sie würde keine Wirkung entfalten, wenn wir ihr zu viel aufbürden.

In den meisten Fällen handelt es sich bei Mitverantwortung um ethikbefreites Mitmachen, d.h. Mitmachen, ohne selbst darüber entscheiden zu wollen, was letztlich gut und richtig ist. Dies werde ich in den nächsten rund 25 Minuten erläutern.

Worum es hier nicht geht:

Dieser Podcast ist kein Ratgeber, es geht nicht um richtiges oder angemessenes Verhalten oder gar Tugend.

Dieser Podcast ist keine Ethik-Vorlesung zu den großen Fragen von Schuld und Pflicht, auch wenn diese beim Thema Verantwortung immer mitschwingen.

Dieser Podcast möchte insbesondere vermeiden, zu moralisieren oder pauschalisierende Wertungen zu vermitteln.

Worum es mir geht: zu verdeutlichen, dass wenn von Verantwortung die Rede ist, es sich oft nur um eine Forderung nach mehr Mitverantwortung handelt, gefordert ist Mitmachen in einem weitgehend geordneten Rahmen. Normen, Moral und wesentliche ethische Entscheidungen sind dann schon vorgegeben. Dadurch erreicht Mitverantwortung eine ungeheure Wirkung.

Dieser Podcast richtet sich an Menschen, die Verantwortung nicht moralisch vereinfachen, sondern gesellschaftlich verstehen wollen.

Beginnen wir mit einem Problemaufriss:

2. Problemaufriss: Mitmachen als Grundform sozialen Handelns

Wir können Mitverantwortung als ein alltägliches Phänomen betrachten, das kaum auffällt, weil es gleichsam funktioniert.

Denn Mitmachen ist eine Grundform des sozialen Handelns. Menschen handeln selten allein. Unsere Welt ist zu komplex geworden. Nicht nur im Verkehr oder wenn wir krank sind, sind wir auf die Mitwirkung anderer angewiesen. Unser modernes Leben ist hoch arbeitsteilig. Denken wir nur an die menschlichen Grundbedürfnisse wie: zu essen, mit anderen zu sein, Anerkennung zu bekommen oder gesund zu bleiben. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist heutzutage vermittelt, d.h. sozial geregelt. Es gibt den Lebensmittelhandel, es gibt Social Media, es gibt Rettungsdienste et cetera. Hier sind wir auf das geordnete Mitmachen oder gar die Mitarbeit anderer angewiesen. Und im Normalfall sind auch wir selber bereit, mitzumachen.

Daher:

- Soziales Handeln ist fast immer kooperativ, arbeitsteilig, anschlussfähig

- „Mitmachen“ ist der Normalfall, nicht die Ausnahme

Somit lässt sich sagen: Mitverantwortung ist zunächst und zuvorderst eine ermöglichende Struktur, keine moralische Kategorie.

Zur Veranschaulichung dieser Struktur möchte ich drei sehr unterschiedliche Beispiele anführen, die ich an dieser Stelle nur skizzenhaft vorstellen kann.

Erstens. Ein recht spektakuläres Beispiel bot der Sturm auf das Kapitol von Trumps Anhängern am 6. Januar des Jahres 2021. Was war geschehen? Der amtierende US-Präsident Donald Trump war nicht wiedergewählt worden und bezweifelte die Rechtmäßigkeit der Wahl seines Nachfolgers Joe Biden. Für den 6. Januar, den Tag, als die Wahl vom Kongress, das heißt der US-Legislative, bestätigt werden sollte, lud Trump seine Anhänger nach Washington ein. Dort hielt er eine zornige Rede. Anschließend drangen Hunderte seiner Anhänger gewaltsam ins Kapitol, den Sitz des Kongresses. Es gab mehrere Tote, viele Verletzte und im Anschluss rund 1500 Verurteilungen. Trump musste nicht selbst das Kapitol stürmen, seine Anhänger taten es für ihn. Sie taten es freiwillig, aufgrund eigener persönlicher Entscheidung und im Glauben, für eine gute und wichtige Sache einzutreten.

Zweitens. Mitverantwortung im Sinne von Mitmachen ist der Normalfall in Unternehmen. Ein Wirtschaftsunternehmen ist eine Koordination von bezahlter Arbeit und geteilter Verantwortung. Wie auch die Arbeit aufgeteilt wird, wird in Unternehmen notwendigerweise und in vielerlei Hinsicht die Verantwortung geteilt. Denn nicht jeder oder jede kann alles machen, oder für alles zuständig sein. Es gibt Führungs- und Strategieaufgaben und reichlich Formen von spezifischer Mitarbeit. Wenn Sie in ein Unternehmen eintreten, d.h. sich anstellen lassen, begeben Sie sich in eine mehr oder weniger flexible Struktur aus Verantwortungen, in die Sie sich einfügen müssen. Anders als im Fall von Trumps Anhängerschaft beruht Mitverantwortung hier auf einem formalen Vertrag. Sie haben sich für die Mitarbeit in diesem Unternehmen entschieden und man hat sich geeinigt.

Drittens. Der paradigmatische Ort von Mitverantwortung ist die Familie. Mit Familie meine ich den Verband biologisch-gesellschaftlicher Reproduktion. Dies kann eine Kernfamilie mit Vater, Mutter und Kindern sein, meint aber auch die vielfältigen Behütungs- und Erziehungsstrukturen, in denen Kinder heutzutage aufwachsen. Mit Familie beziehe ich mich auch ausdrücklich auf Großfamilien, Clans oder Stämme, ich denke hier sowohl an die Mafia oder Cosa Nostra, die in erster Hinsicht große Familien sind und deren Namen für organisierte Kriminalität stehen; als auch an die Adels-Häuser, etwa die Habsburger, einst die mächtigste Herrscherfamilie der Welt; sie entschieden gleich mehrfach über Krieg oder Frieden. In Familien wird das Mitmachen, die Mitverantwortung, eingeübt. Anders als in den beiden erstgenannten Fällen gibt hier keine persönliche Eintrittsentscheidung. Die Familie, in die man hineingeboren wird, kann man sich nicht aussuchen. Im Beispiel der Familienangehörigkeit können Sie bestenfalls entscheiden, auszutreten und Abstand zu nehmen. Nicht immer gelingt das wirklich.

Ich sagte: Mitverantwortung ist zunächst und zuvorderst eine ermöglichende Struktur, keine moralische Kategorie. Ich möchte ergänzen: Mitverantwortung ist grundsätzlich ambivalent, d.h. sie kann unterschiedlich bewertet werden. Ohne Mitverantwortung gäbe es keine Solidarität, keine Wirtschaftsunternehmen, keine Politik, keinen Frieden. Aber dieselbe Struktur, die Mitgefühl und Kooperation ermöglicht, kann auch Hass, Gewalt und Krieg hervorbringen. Dies ist die ungeheure Wirkung, von der ich sprach, die Wirkung, die ein sonst alltägliches Phänomen: die Mitverantwortung als ethikbefreites Mitmachen entfalten kann.

3. Begriffliche Klärung

Kommen wir zu einer begrifflichen Klärung: Was bedeutet Mitverantwortung als ethikbefreites Mitmachen? Da es um Mit-Verantwortung geht, sollten wir uns zunächst einen Begriff von Verantwortung machen.

Verantwortung, richtig verstanden, ist ein Relationsbegriff: jemand ist für etwas gegenüber anderen verantwortlich. Darauf hat u.a. der Philosoph Hans Lenk immer wieder hingewiesen. Verantwortung ergibt erst dann Sinn, wenn mehrere Menschen involviert sind. Verantwortung resultiert dann aus einer Zurechnung, in der Sozialpsychologie spricht man von Attribution, bei der eine Person eine bestimmte andere Person als Ursache für ein Geschehen erachtet. In diesem Sinne kann jemand für einen Verkehrsunfall verantwortlich gemacht werden. In diesem Sinn kann auch jemand für das Aufräumen der Küche oder für die Buchhaltung in einem Unternehmen verantwortlich erachtet werden. Das Handeln der Person, so wird erwartet, sollte ursächlich dazu führen, dass etwas geschieht: ein Unfall ereignet sich, die Küche wird aufgeräumt oder die Buchhaltung funktioniert. Das Beispiel von Verantwortung in Familien oder Unternehmen lässt leicht verstehen, dass Verantwortung relational ist, das heißt, sie bezieht sich auf die Verhältnisse von Menschen miteinander.

Wir sollten zudem festhalten, dass der Begriff der Verantwortung mehrere Sinnrichtungen aufweist. Ich bezeichne sie mit den Kurztiteln „Schuld”, „Sorge” und „Autorität”. Die offensichtlichste Sinnrichtung von Verantwortung ist Schuld. Hier kommt in der Regel eine negative moralische Bewertung ins Spiel. Schuld ist so offensichtlich, weil sie Klärungs- und Regelungsbedarf auslöst. Ein Beispiel ist die Frage, wer an einem Verkehrsunfall schuld ist und deshalb mit Konsequenzen zu rechnen hat. Die Verantwortung für das Aufräumen der Küche oder für Buchhaltung fällt hingegen unter die Kategorie der Sorge: Es geht darum, dass sich jemand aktiv kümmert, d.h. etwas tut.

Die dritte Sinnrichtung von Verantwortung wird in Philosophie und Psychologie meist übersehen. Ich nenne sie Verantwortung als Autorität. Autorität kann man sich erwerben, durch eigenen Verdienst. Autorität kann aber auch verliehen werden. Dies geschieht in Form von höheren Positionen in Staat oder Unternehmen. Meist geht mit der Verantwortung als Autorität eine Macht über andere einher. Deutlich wird das im Fall von Donald Trump und dem Sturm auf das Kapitol. Trump hatte die Autorität. Er lud ein, seine Anhänger folgten der Einladung und kamen nach Washington. Er hielt die Ansprache. Dass die drei Sinnrichtungen von Verantwortung nicht übereinstimmen müssen, zeigt sich daran, dass die eigentliche Tat - der Sturm aufs Kapitol - eben nicht von Trump selbst erfolgte. Auch die Schuldfrage ist bei genauerer Betrachtung nicht so eindeutig.

Alles, was ich über Verantwortung ausgeführt habe, gilt auch für Mitverantwortung. So ist Mitverantwortung ein Relationsbegriff, d.h. jemand ist gegenüber anderen für etwas mitverantwortlich. Und wir können die drei Sinnrichtungen unterscheiden: Mitverantwortung im Sinne von Mit-Schuld, Mit-Sorge sowie verliehener Autorität.

Mitverantwortung ist jedoch bedingte Verantwortung: Wichtige Entscheidungen sind bereits gefallen, wodurch auch wesentliche Bewertungen vorweggenommen sind. So ist die Arbeit in einem Unternehmen weitgehend organisierte Mitverantwortung. Zweck und Struktur des Unternehmens sind bereits vorgegeben und unterscheiden sich je nachdem, ob wir in der Landwirtschaft, in der Rüstungsindustrie oder in einem Krankenhaus arbeiten. Wenn ich in ein Unternehmen eintrete, habe ich zwar eigene Vorentscheidungen getroffen und folge damit meinen eigenen Präferenzen, doch das Arbeitsumfeld kann ich zunächst nur hinnehmen.

Dass sich Mitverantwortung überhaupt bedingen und begrenzen lässt, liegt daran, dass wir Verantwortung teilen können. Mitverantwortung beruht auf geteilter Verantwortung. Verantwortung ist teil- und portionierbar, je nachdem, wie viele Personen oder Positionen beteiligt sind. Mitverantwortung ist Teilverantwortung, sie trägt also nur einen kleinen Teil der Verantwortung: ein wenig Autorität, begrenzte Sorge und nur eine geringe mögliche Schuld. Damit komme ich zu meinem Kerngedanken. Warum spreche ich von Mitverantwortung und nicht einfach von unterschiedlichen Verantwortungen? Nun, wesentlich ist:

Mitverantwortung bringt Verantwortung auf ein menschliches Maß.

Der Ruf nach Verantwortung hat meist etwas Alarmierendes. Verantwortung zu tragen, klingt schwer, zumal irgendwie immer Schuld mitschwingt. Mitverantwortung ist hingegen bedingte Verantwortung, ein Handeln unter gegebenen Umständen und Erwartungen. Mitverantwortung entlastet. Insbesondere kann der normative Kontext, d. h. grundlegende Entscheidungen über richtig und falsch, über gut und böse, ausgeblendet werden. Wir können sagen: Mitverantwortung schafft ein realistisches Verhältnis zwischen dem, was „billigerweise” erwartet werden kann und dem, was nur „über Gebühr” von einem Menschen abverlangt werden kann. "Billigerweise" meint hier: was in einem Kontext gebilligt wird, zum Beispiel Rollenverantwortung oder Pflichten; "über Gebühr" meint hier: was darüber hinausgeht. Wer in einem Unternehmen arbeitet, kann in der Regel davon ausgehen, dass das Unternehmen die Gesetze einhält und Steuern zahlt. Billigerweise wäre: man selbst konzentriert sich auf die Arbeit, für die man bezahlt wird. Es wäre über Gebühr zu erwarten, dass man immer wieder die unternehmerischen oder ethischen Grundlagen prüft. Ähnlich ist es in Familien. Wir dürfen erst einmal davon ausgehen, dass unsere eigene Familie - zumindest im Ansatz - gut ist. Schlimm wenn nicht.

Wir erahnen das Ausmaß der Ambivalenz von Mitverantwortung: Gut und Böse können so nah beieinanderliegen, dass was „gut” ist und was „böse”, nur eine Frage des Blickwinkels zu sein scheint. Wie gehen wir zum Beispiel mit Gewalt um? Ist sie in einem Kontext gebilligt, und dann von wem und gegen wen? Und was verstehen wir unter Gewalt? So kann sich Mitverantwortung nicht nur in Fürsorge, sondern auch in aktivem Hass gegen andere zeigen, sozusagen "billigem", d.h. gebilligtem Hass. Im Fall von Fürsorge wie von Hass helfen Menschen mit, die vorgegebenen Normen und Werte, das was gebilligt ist, zu verteidigen. In solchen Fällen sehen wir Mitverantwortung als engagierte Mit-Sorge sowie als gefühlte Autorität, die beide auf ein menschliches Maß gebracht wurden.

Daraus folgt: Eine Mitverantwortung, die die Gesellschaft spaltet und in Tod und Unfrieden führen kann, so wie im Fall des Sturms auf das Kapitol, ist keine unglückliche Fehlform von Verantwortung. Mitverantwortung folgt vielmehr der generellen Logik von geteilter Verantwortung, d.h. der gebilligten Zurechnung und Verteilung von Lasten, auf der letztlich auch unsere staatliche Ordnung ruht. Wie ich eingangs sagte: Mitverantwortung funktioniert nicht, das heißt sie würde keine Wirkung entfalten, wenn wir ihr zu viel aufbürden. Mitverantwortung ist billigerweise ethikbefreites Mitmachen.

4. Fundamentale Zeitlichkeit von Verantwortung

Warum fällt uns Mitverantwortung, d.h. der Umstand, dass Verantwortung meist irgendwie bedingt ist, nicht auf? Das liegt vermutlich daran, dass Verantwortung mit dem Faktor Zeit verbunden ist. Die Welt ist vergänglich, daher gibt es Verantwortung. Dies bedarf einer Erläuterung.

Die Idee der Verantwortung ist an die Idee der Verursachung gebunden. Jemands Handeln ist oder war Ursache für ein nachfolgendes Ereignis. Verantwortung setzt hierbei ein bestimmtes Verständnis von Zeit voraus: nämlich, dass die Zeit unerbittlich voranschreitet. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würde Verantwortung verschwinden. Dann ließe sich ein Mord rückgängig machen. Und bei jeder schwierigen Aufgabe, etwa einer Investitionsentscheidung für ein Unternehmen, könnten wir die Zeit so oft zurückdrehen, bis wir aus den möglichen Folgen so viel gelernt hätten, dass wir schließlich die richtige Entscheidung treffen könnten. So funktioniert Verantwortung jedoch nicht. Zur Verantwortung gehört nämlich Risiko.

Im Zeitfaktor liegt eine erste Antwort auf unsere Frage: warum uns meist nicht auffällt, dass Verantwortung meist irgendwie bedingt ist und nur als Mitverantwortung vorliegt. Denn: die wesentlichen Entscheidungen sind bereits gefallen. Der Grund der Bedingungen liegt in der Vergangenheit. Die Bedingungen selbst, so sie überhaupt sichtbar sind, können erst einmal nur hingenommen werden. Ein uraltes Paradebeispiel ist das Militär, denn dort würde nichts funktionieren, wenn jeder zu jeder Zeit darüber nachdenken würde, was gerade richtig wäre. Der Blick ist prinzipiell nach vorne gerichtet, nur dort ist sozusagen der Ausgang. Auch in Unternehmen oder Familien ist es hilfreicher, wenn grundsätzliche Entscheidungen nicht ständig infrage gestellt werden.

Die Welt aus Sicht von Zeit und Verantwortung ist labil und gleichsam leicht gekippt, wie bei einem Flipperspiel. Wie die Kugeln in einem Flipperspiel laufen wir die ganze Zeit bergab. Das ist die Richtung, die uns die Zeit vorgibt. Wie schon der griechische Philosoph Heraklit sagte: wir steigen nicht zweimal in denselben Fluss. Doch mehr noch: Wege sind wichtig. Der Weg, auf welchem wir gekommen sind, ist bestimmt durch frühere Entscheidungen, die nicht in unserer Hand liegen. Der Weg schafft die Bedingungen dafür, wohin wir überhaupt gelangen können, auch wenn unklar ist, wohin es geht. So erging es den Trumpanhängern beim Sturm aufs Kapitol. Sie waren nach Washington gekommen, sie waren da, hörten Trumps Rede, und ahnten nun, wohin es gehen sollte: ins Kapitol, um Flagge zu zeigen und die USA zu retten. Unter Mitverantwortung bewegen wir uns selbst, weil wir denken, in einem ernsten Spiel zu sein, bei dem wir die Richtung mitbestimmen können, in welche die Welt kippt.

Also: Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, damit wir mehr lernen dürfen und Verantwortung effektiver wahrnehmen könnten. Aber Verantwortung ist teilbar und damit sind auch die Risiken minimierbar. Bei der Mitverantwortung, die ja bedingte Verantwortung ist, lässt sich nicht nur die normative Seite ausblenden, d.h. die Frage, was grundsätzlich richtig oder falsch ist, sondern auch das generelle Risiko. Das ist der Vorteil bedingter Verantwortung. Wenn wir uns immer der Risiken bewusst wären, die wir in unseren Berufen eingehen – sei es als Ärztin, in der Sozialen Arbeit oder auf dem Bau –, würden wir uns in unserer Handlungsfähigkeit selbst behindern. Berufliche Arbeit ist weitgehend Mitverantwortung. Die Verantwortung bei den Risiken beruflichen Handelns ist über eine Vielzahl an Personen und Institutionen aufgeteilt, bedingt und begrenzt. Für Medikamente mit unerwarteten Nebenfolgen wie beim Schlafmittel Contergan, das bei Schwangeren zu Missbildungen der Föten führen konnte, müssen meist die Firmen haften, nicht aber die Ärztin, die das Medikament verschreibt. Und um die langfristigen Folgen vom Einsatz neuer Baustoffe, die sich im Fall von Asbest als gesundheitsschädlich erweisen, kümmert sich oft erst die Nachwelt.

Als Folgerung können wir festhalten:

Mitverantwortung ist bedingte, geteilte Verantwortung – und gerade dadurch extrem leistungsfähig.

Durch Mitverantwortung entsteht mehr Wirkung;

durch Mitverantwortung können große Projekte realisiert werden, in Unternehmen wie in der Politik.

Gleichzeitig:

sinkt durch Mitverantwortung die individuelle Zurechenbarkeit

und Verantwortung wird zeitlich entgrenzt und verzögert

Wir haben es folglich mit einer Art Paradoxie zu tun:

Mitverantwortung macht Handeln möglich – und Verantwortung unsichtbar.

5. Warum Mitverantwortung so schwer zu greifen ist:

Die Dissoziation von Verantwortung

Nun möchte ich das bisher Gesagte zusammenführen.

Ich sprach von der Ambivalenz von Mitverantwortung und ethikbefreitem Mitmachen

Ich sprach davon, dass Verantwortung grundsätzlich und vielfältig teilbar ist und durch Mitverantwortung auf ein menschliches Maß gebracht wird.

Ich sprach zudem davon, dass Verantwortung und Zeit zusammenhängen: Könnten wir Zeit beliebig umkehren, wäre Verantwortung gegenstandslos. Jede Tat und Entscheidung könnten rückgängig gemacht, zum Verschwinden gebracht werden.

Mitverantwortung entlastet also von dem Risiko, mit dem Verantwortung generell konfrontiert ist.

So stellt sich – noch einmal und umso mehr - die Frage: wenn Mitverantwortung so wichtig ist, warum fällt sie uns so wenig auf? Warum ist Mitverantwortung so schwer zu greifen?

Ich behaupte: Mitverantwortung bleibt unauffällig, weil moderne Gesellschaften Verantwortung systematisch zerlegen.

Dass wir von "systematisch zerlegen" sprechen können, das zeigt sich an dem grundlegenden Phänomen, das ich die Dissoziation von Verantwortung nenne. Die drei Erscheinungsformen der Verantwortung - Schuld, Sorge und Autorität- sind in Organisationen oft entkoppelt. Ein Beispiel: Ein Minister oder die Ministerin trägt die politische Leitungs-Verantwortung für das Ministerium. Das wäre die Seite der Verantwortung als Autorität. Die eigentliche Leistung erfolgt oft durch die Staatssekretäre. Das wäre die Seite der Verantwortung als Sorge. Wenn die Ergebnisse nicht wie erhofft sind, lässt sich dann die Schuld manchmal bei anderen suchen, zum Beispiel dem politischen Gegner. Ähnliches finden wir in Unternehmen.

Aus ethischer Sicht ließe sich fordern, dass Verantwortung immer gekoppelt sein sollte. Dann aber fände sich vermutlich nicht genug Personal für Leitungspositionen in Kommunen oder Unternehmen. Oder es fänden sich nur Hasardeure.

Das Aufteilen und Zerlegen von Verantwortung hat weitreichende Folgen, nicht nur in Politik und Unternehmen. Ich kann das an dieser Stelle nur andeuten, ich nenne drei Beispiele: Institutionen, Geld und die sozialen Medien.

Erstens, Institutionen wie zum Beispiel das Recht, denken wir hier an Arbeits- oder Mietrecht. Institutionen helfen, die Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft, d.h. das Sich-Sorgen wie auch Schuldfragen, unabhängiger von der Sicht und Motivation der Einzelnen und von deren jeweiligem Verantwortungsbewusstsein zu machen. Institutionen schaffen somit mehr Verlässlichkeit für alle. Institutionen sind stille Einladungen zur Mitverantwortung.

Zweitens das Geld: Geld ist ein vertragliches Tauschmittel. Mit Geld kann man sich vieler Sorgen entledigen und andere machen lassen, d.h. mitverantwortlich machen. Letztlich bedeutet Geld eine abstrahierte Form von Mitverantwortung am Staat. Übers Steuernzahlen entlastet uns der Staat von Arbeiten, die viele angehen, vom Straßenbau bis zu den Außen-Beziehungen zu anderen Staaten.

Zu guter Letzt: die sozialen Medien. Das ist für viele eine große Spielwiese, auf der wir viel entdecken, neue Bekanntschaften schließen und Beachtung finden können. Die sozialen Medien ermöglichen Mitverantwortung in virtuellen Verantwortungsgemeinschaften. Dies erklärt die Anhänglichkeit an die sozialen Medien wie auch den Hass, der uns aus allen Ecken anspringen kann.

6. Selbstverortung, Buch

Seit über 30 Jahren befasse mich solchen Fragen der Bedingtheit menschlichen Zusammenlebens. Irgendwann beschloss ich, das Wissen über Zeit und Verantwortung zu strukturieren und in einem Buch zusammenzufassen. Mehr als 20 Jahre habe ich an diesem Werk gearbeitet. Inzwischen hat sich nicht nur der Fokus meiner Arbeit verschoben, nun ein Buch über Mitverantwortung, sondern auch die Bedingungen von Kommunikation haben sich gewandelt. Daher nun der Podcast

Ich möchte mit diesem Podcast einen Denkraum eröffnen und möchte zugleich das Buch abschließen, nicht aber die Diskussion. Denn offen ist, worauf es bei Mitverantwortung heute ankommt:

Ist es die Ambivalenz von Mitverantwortung? Einerseits Mitverantwortung in Form von Mitgefühl und Solidarität, andrerseits Mitverantwortung, die in Hass und Krieg führt. Das ist altes Phänomen, aber neu in den sozialen Medien.

Oder ist das, worauf es eigentlich ankommt, das Phänomen der Dissoziation von Verantwortung? Was bedeutet das für Führung und Mitarbeit in Unternehmen? Und in der Politik? Wie kontrollieren wir dissoziierte Verantwortung?

Oder ist es verdeckte Zusammenhang von Verantwortung mit Zeit, der uns auch über Mitverantwortung zu denken geben sollte? Was ist und wie lange wirkt z.B. kollektive Schuld?

Mitverantwortung - das ist unsere Macht, aber irgendwie auch unser Verhängnis.

Das Buch enthält die Begründungen, der Podcast fragt weiter.

7. Ausblick

Ich schließe mit einem Ausblick. Mein Ziel ist es, mit dem Podcast eine Debatte zu eröffnen. Für die nächsten Folgen meines Podcast habe ich geplant:

Erstens: Warum Verantwortung oft delegiert wird: hier geht es vor allem um Mitverantwortung in Unternehmen

Zweitens die Frage: Ist Selbsttäuschung eine notwendige Bedingung von Verantwortung?: hier geht es um psychologische Mechanismen

Stoff für weitere Folgen bieten Fragen wie:

Wieviel Mitverantwortung steckt im Geld?

Warum ist der Hass in den sozialen Medien Ausdruck von Mitverantwortung?

Stellt Verantwortung eine politische Tugend dar?

Die Liste ist notwendig offen.

Mitverantwortung beginnt dort, wo die einfachen Antworten zu Fragen der Verantwortung aufhören. Besten Dank fürs Zuhören.

Literatur:

Mieg, Harald A. (Sommer 2026). Mitverantwortung. Springer.

Mieg, Harald A. (2024). Translating values into quality: How we can use Max Weber's ethic of responsibility to rethink professional ethics. Societies, 14, 183. DOI: 10.3390/soc14090183

Mieg, Harald A. (1994). Verantwortung: Moralische Motivation und die Bewältigung sozialer Komplexität. Westdeutscher Verlag.

Heider, Fritz (1958). The psychology of interpersonal relations. Wiley.

Lenk, Hans (1998). Konkrete Humanität. Suhrkamp. [S. 261-284]

Luhmann, Niklas (1964). Funktionen und Folgen formaler Organisation. Duncker & Humblot. [12. Kapitel]

Ricœur, Paul (1995/2022). Le concept de responsabilité. In P. Ricœur, Le juste 1 (S. 61-98). Éditions de Seuil.

Tenbruck, Friedrich H. (1982). Verantwortung und Moral. In S. Rehrl (Hrsg.), Christliche Ver-antwortung in der Welt der Gegenwart (S. 25-47). Verlag Anton Pustet.

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